Ein Besuch in "Gabors MZ-Laden" - in Berlin Weißensee

 

Es gibt ein paar authentische Orte, die man sich einfach mal ansehen sollte



Gabors MZ-Laden ist sicherlich so ein Ort. Als Ostwestfalen-Provinzler fahre ich an einem langen Wochenende einfach nach über 20 vergangenen Jahren mal wieder nach Berlin. Geradezu magnetisch zieht es mich gleich an den ersten zwei Tagen zu genau zwei Destinationen: Dem 1. Berliner DDR Fahrzeug-Museum und am zweiten Tag nach völliger Großstadterschöpfung durch zig Museen noch zu meinem MZ-Händler Gabor, den ich seit Jahren nur vom Telefon kenne. Gabors MZ-Laden gilt nicht nur in Berlin sondern auch in eingeschworenen MZ-Internetkreisen als eine gewisse Größe. Sozusagen als jemand mit Ahnung von Ost-Motorrädern. Und als ein bundesweit fairer Ersatzteil-Händler, weil er bekannterweise keinen schlechten Nachbau-Mist verkauft, sondern z.B. lieber gebrauchte Teile.

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Als ich an einem dunklen Novembertag 2012 Freitags beim Einbruch der Dunkelheit in seinen Laden kam, war Gabor am telefonieren und beriet einen Kunden mit der Frage: "Wo war dein Gas als der Motor fest ging?" Ich fühlte mich sofort zuhause. Diese Sprache verstand ich, aber der Mensch am anderen Ende des Hörers nicht. Das Telefongespräch ging gefühlte 20 Minuten, im Laden wurde es voller. Draußen auf dem Hof stand ein 2CV-Schrauber aus dem mittleren Süden Deutschlands, der mit seiner MZ auf dem Anhänger 400 PKW km bis nach Berlin gereist war, um von Gabor seinen Motor reparieren zu lassen, der ebenfalls festgegangen war.


Altes Kopfsteinpflaster als Hofeinfahrt ist mittlerweile selten, gibt einer authentischen MZ-Oldtimerwerkstatt im ehemaligen Ost-Berlin aber genau den richtigen Charme.



Im Herbstlaub des Novembers fühlt man sich auf Gabors Hof wie mit einer Zeitmaschine zurück versetzt. Russische Motorräder mit Beiwagen voll Laub, die vielleicht als Einsatzfahrzeug mal im kalten Krieg mitgerührt haben. Das alte Blech schreit nach einer Restauration, ein weiterer Herbst könnte tödlich sein: "Kauf mich, bevor ich zerfalle!"



MZ-Trophy-Gespann im mattem Original-Lack der 70er Jahre vor Gabors Laden. Regenwasser mit leichtem Moosansatz steht auf der Abdeckung des Beiwagens. Diese Fahrzeuge muss man im Herbst auf diesem Hof gesehen haben - dann will man sie alle retten.



Das russische ISH-Motorrad mit den zwei Endschalldämpfern hat es mir besonders angetan. Ich werde weich. Am besten gleich mitnehmen, doch Gabor belehrt mich eines Besseren und zeigt mir seine Werkstatt....



Wie sieht es aus in einem der größten Ersatzteillager für ostdeutsche Zweiräder in Deutschland?



Akribisch? Geordnet? Chaotisch? Recht aufgeräumt finde ich. Aber auf eine charmante Art auch echt nostalgisch.



Teilehaufen? Beim kurzfristig-verbalen Vergleich in dieser Regalnische zu Ludolfs Teilehaufen aus dem Fernsehen reagierte Gabor etwas genervt: Weil stringenter TV-Verweigerer und dazu noch völliger Ludolf-Abstinenzler, lieber kein Kommentar an dieser Stelle. Ist ja auch klar: Dies ist das Gegenteil zu dem, was uns im Fernsehen 2x wöchentlich gezeigt wird: Mit Trash Geld verdienen läuft hier nicht. Hier liegt statt dessen noch echtes Schrauber-Gold rum, dass mühselig mit viel Liebe und Know-how instand gesetzt wird. Im Laden vorn stehen etliche, fertig überholte Motoren zum Verkauf rum. Direkt zum mitnehmen.

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Rollerteile, Fahrwerke, Verkleidungen, Karosserieteile, Bremsen von Motorrollern, die teilweise mehr als 40 Jahre alt sind. Alles gebraucht, aber gut in Schuß. Gabor will tendenziell eher weg von den billig reproduzierten Neuteilen, hin zu den bewährten alten Ersatzteilen. MZ-SIMSON-Fans kennen das Dilemma: Jedes alte Originalteil ist oft besser als neu aufgelegte Reproduktionen, die einfach nur billig sind.


Halb aufbereitete Motorräder warten in den Wintermonaten auf Ihre Wiedergeburt. Gabor Pirntke hat aber auch im Winter genug zu tun: Etliche Restaurationsprojekte warten auf eine Wiederbelebung. Er selbst würde z.B. dieses Jahr gerne seine BK 350 aufbauen - wenn er die Zeit dazu findet.



In der Motoreninstandsetzung bei Gabor in Berlin. Ich ziehe meine Hut. Hier ist wirklich die Zeit stehen geblieben. Unglaublich, dass es sowas heute noch gibt. Das verdient eigentlich ein Denkmal. Man muss sich das mal überlegen: Hier werden massenweise 2-Takt-Ost-Motoren wiederbelebt, die angeblich überhaupt nicht mehr zeitgemäß sind, aber noch ganz hervorragend laufen. Motoren, die sparsam sind, lange halten, repariert werden können, sich aber nach der Wende nur noch für "Spinner, Freaks & Nostalgiker" durchsetzen können.

Das umweltfreundlichste Fahrzeug ist das, was nicht neu gebaut- sondern repariert wird. Hier könnte sich die moderne Automobilindustrie mit ihren kurzatmigen Trendzyklen und Milliarden von Ersatzteilvarianten mal das eine oder andere abgucken. Die gute alte Zeit... hier in Berlin Weißensee lebt sie heute noch weiter. Hier wird noch ernsthaft repariert, statt nur Teile auszutauschen. Gabors Werkstatt macht es möglich. Dies ist die richtige Adresse für historische Zweiräder aus dem Osten.

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